Juni 20

Warum Homeoffice leider nicht die Antwort auf alle Fragen ist

Mit jedem Tag, an dem Unternehmen für Teile ihrer Belegschaft Homeoffice "verordnen", stehen sich zwei Lager immer skeptischer gegenüber. Die einen wollen endlich wieder "zurück zur Arbeit" – also im Unternehmen arbeiten. Die anderen haben für sich viele Vorzüge des Homeoffice entdeckt – und wollen am liebsten auch langfristig so viel wie möglich aus dem Homeoffice arbeiten.

Wie sollte man als Unternehmen damit umgehen – wie als Mitarbeitende(r)? Wie findet man gemeinsam langfristig tragbare Lösungen? Dieser Beitrag macht konkrete Vorschläge.

Homeoffice ist nicht gleich Homeoffice – das hat unser Teammitglied Franziska in ihrem Podcast und Blogbeitrag dazu wunderbar auf den Punkt gebracht. Es gibt Zigtausende von Homeoffices, alle in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen, räumlichen Situationen und technischen Ausstattungen. So manch ManagerIn oder GeschäftsführerIn im komfortablen 250 qm Haus am Stadtrand​ mit toller Internetverbindung und 1a technischer Ausstattung i​m Arbeitszimmer ​kann sich kaum vorstellen, wie es bei einer vierköpfigen Familie aussieht, die sich 80 qm teilt – da wird das Homeoffice auf den Küchentisch gequetscht, im Flur untergebracht oder gar im Bad installiert.

Trotzdem wünschen sich 68% der ArbeitnehmerInnen nach einer Befragung des Bayerischen Forschungsinstituts für digitale Transformation vom April 2020 nach der Coronakrise mehr Homeoffice als zuvor. Und 75% aller Homeoffice-Novizen, die während der Coronakrise erstmals das Arbeiten von zu Haus aus kennenlernten, fanden die Errfahrung positiv.

Gleichwohl sollten Mitarbeiter und Unternehmen nach nun rund drei Monaten eine erste, nüchterne Bilanz über Vorzüge und Schwachstellen der Arbeit im Homeoffice​ ziehen, wie ich in einem Blogbeitrag an anderer Stelle beschrieben habe. Nicht zuletzt, um Missverständnisse und Konflikte zu vermeiden. Aber auch, um über einen künftigen, etwas formelleren Rahmen zu sprechen, der die Arbeitsmöglichkeiten von außerhalb des Unternehmenssitzes regelt.

Viele Aspekte, die für ein halbwegs gesundes, sicheres und produktives Arbeiten im Büro sorgen, können im Homeoffice nicht oder nur eingeschränkt sichergestellt werden. Ich greife einige heraus:

  1. 1
    ​Ergonomie: ​Entsprechen Schreibtisch und Bürostuhl, Position des Schreibtisches ​und Monitors zum Fenster, Blendfreiheit und Sichtachsen zu Haus den bewährten ergonomischen Anforderungen? Drohen hier ​womöglich mittelfristig gesundheitliche Schäden?
  2. 2
    Datenschutz und -sicherheit: Wie gut ist der Arbeitsplatz zu Haus geschützt? Haben Netzwerke und Rechner Passwörter (wenn ja, wie gut sind diese?), sind Antivirenprogramme installiert und gepflegt, werden regelmäßig Programmudates und Backups gemacht?
  3. 3
    Sicherheit am Arbeitsplatz: Entspricht das Umfeld des heimischen Arbeitsplatzes halbwegs den Ansprüchen, den die Arbeitsplatzverodrnung oder die Berufsgenossenschaft anlegen würden? Stimmen Raumgrößen, Beleuchtung, Belichtung? Sind elektische Installationen sicher oder lauern andere Gefahren? Wie ist der Mitarbeiter abgesichert, wenn doch einmal etwas passiert?

Ich will ganz gewiss das Homeoffice nicht madig machen – ganz im Gegenteil, ich schätze es persönlich sehr. Ich gehöre aber auch zu den Priviligierten mit viel Platz und guter Ausstattung (an der Ergonomie könnte ich noch arbeiten).

​Aus meiner Sicht bieten sich Unternehmen und Mitarbeitende vor dem Hintergrund des oben geschilderten "Kleingedruckten" genau drei Optionen:

  1. 1
    ​​Das Unternehmen gestattet lediglich "mobiles Arbeiten". Damit gewährt man den ArbeitnehmerInnen gewisse Handlungsfreiheit, ist aber aus ​den Verpflichtungen, die formelle Heimarbeit-Vereinbarungen nach sich ziehen, (zumindest vorerst) raus. Damit ist formell egal, wo und wie der Mitarbeitende arbeitet – im Café, zu Haus, am Strand... Aber, so verlockend das auf den ersten Blick aussehen mag – Fragen wie Ergonomie, Datensicherheit etc. werden eher verschäft als gelöst. Und ob ein solches Etikett langfristig auch im Arbeitsrecht bestand hat, sei ebenfalls dahingestellt.
  2. 2
    D​ie Unternehmen übernehmen ​Einrichtung (und Finanzierung!) der Heimarbeitsplätze, um ein hohes Qualitätsniveau sicherzustellen. Dies ist m.E. eine der beiden "sicheren" Lösungen, allerdings in der Praxis mit großen Herausforderungen verbunden. Denn wer soll das konkret machen? Eine eigene Organisationsabteilung? Ein Dienstleistungspartner, der nach den Vorgaben des Unternehmens arbeitet (und in der Lage ist, diese auch umzusetzen). Und letztlich geht es um das Heim des Mitarbeitenden – in gewissem Rahmen wird er über Einrichtung und Platzierung von Möbeln und Technik mitreden wollen. Wie geht das praktisch? Bietet man Schreibtische und Stühle in unterschiedlichen Farben, Formen, Größen? Ach ja – was ist mit der Miete für den genutzten Raum?
  3. 3
    ​​Die Unternehmen schaffen Team- bzw. Satellitenbüros in der Nähe der Wohnorte ihrer Mitarbeitenden, z.B. in den (Klein-)Städten der benachbarten Landkreise. Dies ist meine bevorzugte Lösung. Zum einen erhält sie viele Vorzüge der Arbeit von zu Haus – weniger Pendelei, selbstbestimmteres Arbeiten und freiere Zeiteinteilung. Andererseits sind hier einheitliche Rahmenbedingungen auf hohem Niveau leichter sicherzustellen, als bei jedem einzelnen Mitarbeiter zu Haus. Auch hier wäre es für die Unternehmen sinnvoll, mit Dienstleistungspartnern zusammen zu arbeiten, am besten mit Partnern, die gleich mehrere Satellitenbüros ​vorhalten und den laufenden Betrieb nach Vorgaben des Unternehmens unterhalten.

Und wer soll das bezahlen?

Im Moment ​sehen viele Unternehmen, die teils mit schnell beschafften und außerplanmäßigen Budgets Heimarbeit überhaupt erst möglich machen konnten, die bisher entstandenen und ggf. drohenden Mehrkosten, wenn womöglich immer mehr Mitarbeitende nicht ​weniger am Firmensitz arbeiten. Doch zum einen können sie gezwungen sein, auch auf längere Sicht das dezentrale Arbeiten fortzusetzen oder gar zu fördern – etwa, wenn die Pandemie noch auf mittlere Sicht bestehen bleibt und deshalb Abstandsgebote auch am Arbeitsplatz einzuhalten sind und z.B. der verfügbare Büroraum gar nicht ausreichen würde, verantwortungsvolles und sicheres Arbeiten zu gewährleisten. Oder weil die Mitarbeitenden immer mehr Gefallen am dezentralen Arbeiten finden und gleichzeitig immer mehr Vorbehalte gegen die Arbeit im Unternehmen entwickeln (​​Ansteckungsgefahr auf dem Arbeitsweg oder in klimatisierten Büros).

Wenn Unternehmen ihren Mitarbeitenden mehr Freiheiten bezüglich des Arbeitsorts gewähren, haben sie gleichzeitig das Recht, gewisse Beschränkungen bezüglich der Arbeit im Unternehmen selbst einzufordern – z.B. Verzicht auf feste Büros oder Arbeitsplätze (sogenanntes "Hotdesking"). Das bedeutet, dass zumindest mittelfristig der hohe Aufwand für städtische Mieten und den Unterhalt großen Unternehmenszentralen gesenkt werden kann. Und damit, so unsere These, wird sich auch das dezentrale Arbeiten, z.B. in Team- und Satellitenbüros, gegenfinanzieren lassen.

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About the Author

Thomas arbeitet als Unternehmens- und Kommunikationsberater nach dem Motto: "Finde das Problem. Frag, warum, wie und was. Erzähle davon!" Als Geschäftsführer der Controlcom GmbH betreut er Unternehmen und Projekte vorwiegend in Mitteldeutschland, Hamburg und Berlin. Mehr unter https://www.linkedin.com/in/thomasrehder/?locale=de_DE

Thomas Rehder

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